Wochen Internet

12. März 2008

Re: rechtsextremismus im Internet? - Neue Internet-Plattform gegen Rechtsextr…

Abgelegt unter: Allgemein — admin @ 12:02

> Ich muss zugeben das ich, was Volksverhetzung angeht, geraten habe
> das es im Grundgesetz verankert ist. Ist aber auch egal, es ist per
> Gesetz verboten und deshalb gehört es zensiert.
Du irrst dich ganz gewaltig. In Deutschland ist die Verbreitung
volksverhetzender Publikationen verboten, nicht der Besitz. Insofern
ist die Zensur ausländischer Seiten nicht grundgesetzlich und auch
nicht strafgesetzlich gedeckt - das Internet ist kein Push- sondern
ein Pull-Medium, Die Beschaffung erfolgt aktiv durch Anforderung.
Anders sieht es bei KiPo aus, deren Besitz ist in D verboten.
Problematisch ist insofern, daß es (a) keine objektive Definition für
CP gibt, (b) viel Material aus legalen inländischen Quellen stammt
und (c) es dabei Unterschiede selbst auf europäischer Ebene gibt (in
Frankreich liegt die Altersgrenze bei 16, in D bei 18 Jahren - in F
völlig legales Material darf man also in D nicht mal besitzen. Fragt
sich nur - wie will Otto Normalbürger das unterscheiden? Zu den
asiatischen Staaten verschärft sich die Problematik noch weiter -
eindeutiges Posing ist in Japan zum Beispiel ab 13 Jahre erlaubt, bei
uns wird Posing mit expliziter Darstellung des Geschlechtsaktes
gleichgesetzt). Nichdestotrotz würde ich auch hier einer
Borderline-Filterung nicht zustimmen.
> Auf die Holocaust-Lüge kam ich weil das Thema “Neue
> Internet-Plattform gegen Rechtsextremismus gestartet” lautet, auf
> KiPo weil Sam Lowry meinte: “weil niemand, außer mir entscheidet, was
> ich mir im Internet ansehe. Wer sich anmaßt, mir diese Entscheidung
> abzunehmen, gehört weg.” Ich hatte nicht die Absicht es als
> “Totschlägerargument” zu benutzen.
Das ist ein Totschlägerargument, da viel zu oft benutzt. Wenn du heir
neu bist, hast du es vielleicht noch nicht gemerkt - aber
Kinderpornos und Faschoseiten kommen immer wieder als Argument bei
solchen Diskussionen unter der Vermutung, daß Gutmensch da den Mund
hält und nicht mehr weitediskutiert (denn das ist nun mal per se
schlecht, dafür kann niemand sein). Den Biß hat es aber längst
verloren - eben weil inflationär instrumentalisiert.
> Betonkopf bin ich auch nicht, ich lasse mich gerne mit Argumenten
> überzeugen, aber bis jetzt hat mich noch keins überzeugt.
Hmm, einfache Frage: Wer überwacht den Zensor? Ich hab nichts gegen
Jugendschutz - ich habe etwas dagegen, daß der Jugendschutz als
Vorwand für Erwachsenenschutz dient. Ich habe etwas dagegen, daß der
Jugendschutz als Vorwand für die Aushöhlung der Demokratie dient -
die nun mal auf informationsfreiheit fußt. Warum? Die freie
Entscheidungsfindung als Grundlage der demokratischen Mitbestimmung
bedingt freien Zugang zu allen Informationen - auch zu “destruktiven”
oder “gefährlichen” Informationen. Um sie zu bewerten und in einen
Kontext setzen zu können und auf der Grundlage eine eigene MEINUNG
bilden zu können. Gibt es die technische Möglichkeit, in dem ersten
Informationsmedium, das zumindest theoretisch den Anspruch erfüllt,
freien Informationszugang zu gewährleisten, Seiten effektiv zu
zensieren, ist dieses Medium als Informationsmedium genauso
zuverlässig wie die anderen Medien - manipulierbar durch die
Kontrolleure, mithin den Zensor. Nehmen wir ein Denkexperiment: Im
Gulf War III war ja die Bundesrepublik auf der Seite der
Kriegskritiker. Nehmen wir jetzt an, wir hätten effektive
Zensursysteme und Frau Merkel als Kanzler - wären also in der Allianz
der Willigen fest eingebunden. Wer hätte den Zensor, seine Gehilfen
oder einen geheimdienstlichen Hacker daran effektiv gehindert, die
Website von Al Jazeera in die Blacklists aufzunehmen? Denn: Niemand
weiß es, niemand kann es prüfen. Und die Sperrlisten sind ebenso
nicht öffentlich, damit nicht prüfbar. Wer hindert den Zensor daran,
als Nächstes Michael Moore als verfassungsfeindlich einzuordnen, weil
er einen Link auf eine linksextreme Site drauf hat, die wiederum auf
eine Bombenbastelanleitung verlinkt? Schau dir das Drama um Mullah
Büssow an - er bohrt das dünste Brett an (Rechtsradikalismus), um
eine weitgehend unkontrollierbare behördliche Sperrpraxis
durchzusetzen. Dem muß Einhalt geboten werden - indem man gerade den
Versuchen, eine Filter-Infrastruktur zu etablieren, entschieden
entgegentritt. Sowohl technisch als auch politisch.
> Ich verstehe das Ihr gegen Zensur seit, aber ich halte die breite
> Masse einfach nicht für reif genug als das man rechten Schrott im
> Netz lassen sollte. Das mich deswegen hier einige als doof hinstellen
> wollen ist einfach nicht fair.
Das ist, mit Verlaub, elitärer, um nicht zu sagen faschistoider
Blödsinn. Per se gibt es “die Masse” nicht - es gibt maximal ein
Bildungsproblem. Und dem kann man nichtdurch Zensur begegnen.
Allerdings widerspricht ein mündiger, medienkritischer Bürger dem
Prinzip des Konsumtrottels, der allen Quatsch glaubt, den man ihm in
den Pusch-Medien erzählt.
Die Chance im Internet ist die Informationsvielfalt - eben auch die
Möglichkeit, sich in jede Richtung zu informieren. Und rechtsradikale
Seiten sind, gerade im Hinblick darauf, daß sie einer permanenten
Kommentierung durch andere Seiten ausgesetzt sind, im WWW gut
aufgehoben,
statt daß sie sich in einschlägigen Underground-Netzen
ohne Kommentierung breitmachen.
Ich sprach in dem Zusammenhang ja schon mal an, daß es sinnvoll wäre,
einen Webbrowser mit einer Comment-Erweiterung zu versehen (also eine
Erweiterung, die das durch den Webmaster der Site unkontrollierte
Kommentieren der Site erlaubt). Das WWW hat eine entsprechende
Entwicklung in der Pipeline - allerdings als zentralistischen Ansatz
(fester Comment-Speicher-Server). Ich würde da einen dezentralen
Ansatz in der Art der üblichen anonymen P2P-Netze wie Entropy
vorziehen - damit nicht die Comments wiederum politisch
kontrollierbar sind).
> Als Bedrohung für die Demokratie sehe ich mich nicht,
Du allein sicher nicht. aber wenn Leute wie du, die einfache Mittel
präferieren, sich zusammenrotten und politische Entscheidungen
treffen (CSU - Beckstein) wird es gefährlich. Denn dieser blinde
Aktionismus verschärft das Problem nur, statt es zu beseitigen.
> eher die Medien
> mit ihrem im Niveau immer tiefer sinkenden Themen welche ebenfalls
> die breite Masse immer mehr verblöden lassen und damit deren
> Interesse an Demokratie immer mehr verschwinden lassen. Demokratie
> kann nur funktionieren wenn das Volk gebildet ist, und rechte Seiten
> bewirken genau das Gegenteil.
Nimmst du ernsthaft an, das Web wäre ein Bildungsmedium? Verzeih die
provokative Frage - wie alt bist du und sitzt du grad vor dem
Schulrechner? Das Web ist ein Informationsmedium - wer sich da
Informationen holt sollte sich über deren Qualität und Verläßlichkeit
klar sein - soll heißen, er sollte die Grundqualifikationen des
Informationszeitalters (Fähigkeit zur Informationsrecherche,
Informationsbewertung und Informationsabstraktion) zumindest
ansatzweise entwickelt haben. Genau deswegen halte ich auch das
“Schulen ans Netz” in der jetzigen alleinstehenden Form für
kontraproduktiv, die Rolle der Computer in der Schule für
überbewertet (obwohl sie in der Grundschule zum Lernen von Schreiben
und Rechnen echt geeignet sind - da gibt es sehr gute Programme).
Das Internet mit seinen diversen Diensten hat mit Sicherheit kinen
Bildungsauftrag, und die Grundbildung und Kritikfähigkeit des Nutzers
sollte ein gewisses Maß erreicht haben. Den Bildungsauftrag haben
immer noch die schulischen Einrichtungen. Daß die dabei regelmäßig
versagen liegt nicht zuletzt an einem veralteten Schulsystem und an
mangelhafter Kapitalausstattung der Schulen - aber das ist ein
anderes Thema.
CU

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